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Reiki und Kinesiologie - mit Handauflegung zum seelischen Gleichgewicht?

REIKI ([1]) ist ein japanischer Begriff und steht für "die universelle Lebensenergie zur Harmonisierung, Heilung und Bewußtwerdung des ganzen Menschen." Andererseits steht Reiki auch als Bezeichnung für ein methodisch aufgebautes System der Übertragung von "heilenden Energien". Eine Reiki-Therapeutin schreibt: "In diesem System bedienen wir uns der universellen Lebensenergie und übertragen heilende Lichtkräfte über die Hände. Diese Übertragung erhält der Empfänger entweder direkt oder . . . in seiner Abwesenheit über Raum und Zeit hinweg, mittels bestimmter, kraftgeladener universeller Symbole." Seinen Ursprung habe Reiki "in mystischen Offenbarungen" des japanischen Priesters Dr. Mikao Usui, der im 19. Jahrhundert Leiter einer christlichen Priesterschule in Kyoto war, im Herzen aber Buddhist war ([2]). In den Dreißiger-Jahren unseres Jahrhunderts verbreitete sich die Methode in den USA und hat nun durch eine Vielzahl von Kursen zunehmend Verbreitung in Europa gefunden. Das "innere Wissen" wird in streng hierarchisch gegliederten Kursen vom Meister an seine Schüler weitergegeben. Die Rituale und Symbole, in die ein Schüler eingeweiht wird, gelten als "geheiligt und kraftgeladen" und ermöglichten als "Schlüssel zur Seele" den "Zugang zu seelischen Dimensionen".
Nachdem der Schüler im ersten Kurs "mit der universellen Lebensenergie verbunden" wird, kann er diese "jederzeit und überall über die Hände weitergeben". Im zweiten Kurs wird er angeblich befähigt, einen intensiven Energiestrahl aus den Chakren auf den Handinnenflächen herausschießen zu lassen. Nun ist er in der Lage, "auch über Raum und Zeit hinaus allen Wesen, aber auch allen Situationen, Ereignissen, Blockaden usw. universelle Lichtenergie zu senden". Im dritten "Meister-Kurs" holt man mit dem "Meister-Symbol" "das große Licht auf die Erde". Nun ist der Meister auch berechtigt, sein Wissen seinerseits an neue Schüler weiterzugeben.
Will ein Reiki-Meister einem Menschen heilende Energie zuführen, so konzentriert er sich innerlich auf verschiedene "Symbole" (die ähnlich wie Mantras in der hinduistischen Meditation wirken sollen) und legt dem Hilfesuchenden die Hände auf. So soll die Konzentration auf das "Kraftsymbol" bewirken, "daß die Lichtkraft, die universelle Lebensenergie, zum Wohle aller Beteiligten stärker fließt und zur Wandlung und Entwicklung auf den jeweils ansprechbaren Ebenen von Körper, Geist und Seele beiträgt" (S.90). Auf seiten des Hilfesuchenden ist der Glaube wichtig. Dann erlebt er die Wirkung der Symbole: "In psychischen Notsituationen oder bei Unfällen - z.B. bei Verlust des Arbeitsplatzes, bei Problemen in der Partnerschaft oder mit den Kindern, bei Krankheitsfällen, Unglücken oder Sterbefällen, also bei schwer zu verkraftenden, erschütternden Ereignissen und Erlebnissen - nimmt uns die umgehende und oft wiederholte Anwendung dieses Licht- und Kraftsymbols das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins und verweist oft auf wunderbare Weise auf neue Hoffnungen und neue Wege."
Während Reiki also ein ausgeprägt religiöses Ritual der Energieübertragung durch die Hände darstellt, finden wir in der KINESIOLOGIE viele pseudowissenschaftliche Vorstellungen, die mit Vorstellungen der chinesischen und japanischen Traditionsmedizin und esoterischen Lehren verbunden werden ([3]). So versteht sich die Kinesiologie als "eine Verbindung westlicher und östlicher Heilmethoden . . . Sie arbeitet mit dem Muskeltest, um den Körper direkt zu fragen, wo Blockierungen vorliegen und wie sie gelöst werden können. Länger andauernde Energieblockaden wirken sich negativ auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit aus. Durch die Aktivierung der Selbstheilungskräfte über das Meridiansystem wird körperliche, seelische und geistige Harmonie gefördert und wiederhergestellt" ([4]).
Die Angewandte Kinesiologie nimmt ein System von Körpermeridianen an, die als Leitungsbahnen für die "Lebensenergie" dienten. Den energetischen Zustand eines Menschen könne man aus der Spannung seiner Muskeln ableiten. Dabei handelt es sich aber nicht um deren physikalische Kraft, sondern sozusagen um eine energetische Antwort auf Fragen, die der Untersucher stellt. Der Muskeltest (auch "kinesiologisches Sondieren" genannt) sei eine Art Monitor, mit dem man Störungen auf einfache Weise sichtbar machen könne. Dabei fordert der Behandler den Klienten auf, mit erhobenem Arm oder mit dem angewinkelten Bein gegen den Druck seiner Hand Widerstand auszuüben. Die andere Hand legt der Behandler auf das Organ, dessen Funktion er prüfen will. Widersteht der Arm oder das Bein dem Druck gut, so ist das Organ angeblich gesund. Ist die Gegenkraft jedoch schwach, so besteht eine Störung. Ähnlich soll man prüfen können, welche Spurenelemente dem Körper fehlen, welche Speisen er nicht verträgt oder welche Medikamente er braucht. Dabei hält der Klient während des "Sondierens" Flaschen mit Heilmitteln oder Spurenelementen in der Hand, nimmt Speisen in den Mund oder riecht daran. Reagiert der Muskel schwach, so ist eine Speise schlecht für den Körper. Medikamente (oft homöopathische Mittel oder Bachblüten) werden z.T. auch auf das angeblich erkrankte Organ gelegt. Reagiert der Muskel daraufhin stärker, so ist das Mittel gut für den Patienten. Psychische Befindensstörungen werden durch direkte Fragen erfaßt: So stellt der Behandler dem Patienten Fragen nach seinen Gefühlen und testet, ob der Muskel stark (="Ja") oder schwach (="Nein") reagiert. Die Therapie erfolgt durch eine breite Palette von Massagen an Punkten der Akupressur oder entlang der Meridiane. Streß lasse sich durch das sogenannte "Polaritäts-Switching" bewältigen. Die Anleitung dazu: "Legen Sie eine Hand auf den Bauchnabel. Massieren sie gleichzeitig die Punkte unmittelbar unter dem Schlüsselbein, die etwa 10 cm voneinander entfernt sind . . . Behalten Sie die eine Hand auf dem Nabel. Die andere aktiviert die Punkte auf der Unter- und Oberlippe durch Reiben. Aktivieren Sie den Punkt auf ihrem Steißbein, am unteren Ende der Wirbelsäule und behalten Sie dabei die andere Hand auf dem Bauchnabel" ([5]). Eine "Gehirnintegration" soll sich mit folgender Anweisung erreichen lassen: "Breiten Sie Ihre Arme zur Seite aus, horizontal, Handflächen nach vorne. Stellen Sie sich die linke Hirnhälfte in der linken Hand und die rechte in der rechten vor. Denken Sie an ihr Ziel, während Sie die Hände langsam zusammenführen und ineinanderfalten" ([6]).
Bereits gibt es, ähnlich wie bei der Akupunktur, eine Reihe von Varianten der Angewandten Kinesiologie. Besonders häufig werden Eltern durch Lehrer, Heilpädagogen und Logopäden mit der "Edu-Kinesthetic" konfrontiert ([7]). Sie soll dazu dienen, Lernfähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Konzentration und Gedächtnis zu fördern. Diese entstünden durch Energieblockierungen zwischen Körper und Gehirn, insbesondere aber durch eine gestörte Harmonie zwischen den beiden Hirnhälften. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, daß intellektuelle Fähigkeiten eher in der linken Hirnhälfte ([8]) angesiedelt seien, während die Gefühlsempfindungen eher im rechten Gehirn stattfänden. So populär solche Ideen sind, wissenschaftlich konnten sie in dieser einfachen Form nicht belegt werden ([9]), denn das Gehirn wäre ohne ein ständiges intensives Zusammenspiel beider Hirnhälften gar nicht funktionsfähig.
Dennoch werden Eltern und Kindern vielfältige Vorschläge zur Therapie gemacht, die von Akupressur, über Ernährungsumstellung, dem Tragen von Edelsteinen bis zur Einnahme von homöopathischen Mitteln reichen. Besonders werden den Kindern mit Lernstörungen komplizierte Übungen angeraten, um ihre Hirnhälften zu harmonisieren. So soll das abwechselnde Berühren der Knie mit den gegenüberliegenden Händen bei der Überkreuzbewegung die Hemisphären der rechten und linken Hirnseite "zwingen", gleichzeitig zu arbeiten. Da dies noch nicht ausreiche, brauche es eine zusätzliche "Lateralitätsbahnung". Das Kind soll deshalb zusätzlich vor sich hin summen und mit den Augen in bestimmte Richtungen blicken, um die Hirnhälften besser zu verbinden.
Was ist von solchen Techniken zu halten? Zuerst darf man festhalten, daß die Vorstellungen aus medizinischer Sicht doch "äußerst simpel aufgebaut sind" ([10]). Es würde zu weit gehen, hier eine umfassende Kritik wiederzugeben. Der große Erfolg beruht deshalb nicht auf der Anwendung nachvollziehbarer medizinischer Techniken, sondern gerade darauf, daß auf schwierige Fragen einfache Antworten gegeben werden. Der Muskeltest gibt die Bestätigung für die Ursachen und bestätigt oft, was die Betroffenen schon vermutet haben. Die verschiedensten psychischen und gesundheitlichen Probleme können selbst mit einfachen Übungen behandelt werden. In der Tat können die Haltungs- und Bewegungsübungen entspannend wirken, ganz gleich in welcher Absicht sie benutzt werden. Hemminger ([11]) schreibt: "Insbesondere jüngere Schulkinder profitieren davon, wenn sie sich entspannenderweise bewegen dürfen. Außerdem ist natürliches jedes Sich-Kümmern an und für sich schon therapeutisch, zumindest wenn eine Vertrauensbeziehung besteht. . . Von daher besteht kein Anlaß, die kinesiologischen Methoden für besonders gefährlich zu halten . . . Die Hauptgefahr dürfte nicht in dem liegen, was getan wird, sondern in dem, was unterlassen wird. Das simple Diagnose- und Therapiesystem läßt große Bereiche völlig außer acht, und das kann sich im Einzelfall sehr wohl negativ auswirken." Viele Pädagogen scheinen in ihrer Beschäftigung mit dem einzelnen Kind nicht zu berücksichtigen, "daß sehr viele Lernprobleme und Verhaltensstörungen letztlich Beziehungsprobleme sind, seien es Beziehungsprobleme in der Familie, Beziehungsprobleme zwischen Lehrerin und Klasse oder Beziehungsprobleme innerhalb der Klassengemeinschaft. Individuelle Leistungsstörungen und Beziehungsprobleme sind meist intensiv miteinander verbunden, und ohne den Aspekt sozialer Beziehungen läßt sich häufig weder verstehen, was vor sich geht, noch etwas dagegen tun. Diesen Bereich auszublenden, kann in der Pädagogik nicht gut gehen. Die Frage liegt nahe, ob manche Lehrer nicht auch dem schwierigen und aufreibenden Umgang mit Beziehungsfragen durch den Schritt in die Edu-Kinesthetik zu entfliehen suchen."
Wie soll sich nun ein Christ praktisch in der Konfrontation mit diesen Methoden verhalten? Wo sind die Grenzen? Soll man die Bach-Blüten nur oberflächlich als mit Alkohol versetztes Wasser betrachten, das manche als hilfreich empfinden, oder muß man sich von der zugrunde liegenden Weltanschauung klar distanzieren? Soll man Kinesiologie schlicht als pseudowissenschaftliche Bewegungsübungen anwenden oder muß man befürchten, sich in eine esoterische Einflußsphäre zu begeben? Auf diese und ähnliche Fragen sollen die folgenden Kapitel Antwort aus theologischer und medizinischer Sicht geben.
[1] die Zitate in diesem Abschnitt sind, wo nicht anders vermerkt, dem Buch von Blaszok und Rohr 1994 entnommen
[2] vgl. Blaszok und Rohr 1994, S. 23
[3] Grundlagen für die Informationen dieses Abschnittes sind folgende Bücher und Artikel: Dennison 1984, LaTourelle & Courtenay 1992, Hemminger 1993, Stiftung Warentest 1992.
[4] aus einem Kursprospekt
[5] LaTourelle & Courtenay 1992, S. 95
[6] LaTourelle & Courtenay 1992, S. 170.
[8] bei Rechtshändern; bei Linkshändern seien die Verhältnisse umgekehrt
[9] vgl. Levy 1986 und 1989
[10] Hemminger 1993, S. 211
[11] Hemminger 1993, S. 213
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