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Mein Kind ist lernbehindert

Annemarie Pfeifer

Eines meiner Kinder hat eine Lernbehinderung. Ich merke, dass mein zwei Jahre jüngeres Kind eifersüchtig ist, weil der ältere Bruder dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Wie können wir unserm Kind helfen, ohne den Eindruck zu vermitteln, ein Kind zu bevorzugen und das andere gar zu vernachlässigen?

Ein Sorgenkind beeinflusst seine ganze Familie. Wenn ein Glied in einer Familie leidet, so leiden - genau wie Sie es beschreiben - alle andern Glieder mit. Wie die Zahnräder einer Uhr greifen die Familienglieder ineinander, schieben sich gegenseitig an und ticken in einem gemeinsamen Rhythmus. Läuft eines plötzlich zu schnell oder zu langsam, müssen alle anderen mithalten, ob sie wollen oder nicht.

An Schwierigkeiten wachsen

Ein Kind mit besonderen Herausforderungen muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Kinder können an Schwierigkeiten wachsen. Ihr jüngeres Kind kann also auch am Umgang mit dem schwierigen Geschwisterkind stark werden. Es lernt rücksichtsvoll mit Schwächeren umgehen, selbständig gewisse Aufgaben zu verrichten, dankbar die eigenen Stärken betrachten. Kurz: es wird vorbereitet auf eine Welt, in der es mit Schwierigkeiten umgehen lernen muss.
Das spezielle Kind hat oft eine spezielle Stellung. Manche Familien stellen es riesig gross in den Mittelpunkt und lassen den Geschwistern kaum Platz. Andere Kinder stellen das schwierige Kind ins Abseits und machen es zum Sündenbock für die Probleme der Familie. Richtig ist wohl, wenn das spezielle Kind keine übermässige Aufmerksamkeit kriegt und zu sehr verwöhnt oder entlastet wird. Es dient der ganzen Familie, wenn es möglichst normal behandelt und seinen Fähigkeiten entsprechend gefordert und gefördert wird. Wie Sie richtig bemerken, braucht auch das gesunde Kind Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Erziehung zum Mittragen

Es gibt etliche Punkte, die helfen, dass sich keine Konkurrenzsituation entwickelt.
Die Kinder nicht gegen einander ausspielen:
Eine Störung verschärft die Unterschiede unter den Kindern. Während ein Geschwisterkind sich mit Leichtigkeit durchs Leben bewegt, kommt das andere nur mit grösster Mühe voran. Konflikte, ausgelöst von beiden Seiten, sind also zu erwarten. Sehr schnell kann man ins Vergleichen kommen. Warum kannst Du nicht einmal ruhig sitzen wie dein Bruder? Warum brauchst du soviel mehr Zeit zum Lernen als deine Schwester? Solche Fragen schüren die Konkurrenz.
Frage: Vergleiche ich meine Kinder offen miteinander?

Alle Kinder brauchen Ermutigung:

Gesunde und „besondere“ Kinder brauchen auf ihre Art Ermutigung. Das spezielle Kind fühlt sich anders, sprich weniger wertvoll. Es besteht die Gefahr, dass man das Kind nur noch als „Lernbehinderung“, hyperaktiv oder als schlafgestört sieht. Entdecken und fördern Sie immer wieder seine gesunden Anteile, dann hat die Störung plötzlich weniger Macht über die Familie.
Auch das gesunde Kind trägt eine Bürde: immer soll es Rücksicht nehmen, verzichten, hinten anstehen oder gar auf das Lob der Eltern verzichten, weil diese das schwächere Kind nicht kränken wollen. Vielleicht entwickelt es sogar Schuldgefühle, weil ihm alles so leicht fällt.
Jedes Kind braucht ermutigende Botschaften, die seine Leistungen individuell würdigen. Legen Sie bei beiden Kindern den Schwerpunkt auf die positiven Seiten und zeigen Sie Ihre Freude über alles, was gut läuft.
Frage: Geben Sie allen Ihren Kindern einen guten Ausgleich zwischen ermutigenden und ermahnenden Rückmeldungen?

Eine gesunde Distanz vom Sorgenkind:

„Das Lebensdrama meines Sohnes ist auch mein Lebensdrama“, seufzte letzthin eine gute Bekannte von mir. Obwohl ihr hochsensibler Sohn nun schon erwachsen ist, leidet sie noch immer sehr stark mit ihm, wenn er Schwierigkeiten hat. Durch dieses intensive innere Teilnehmen gibt sie ihm sehr viel Aufmerksamkeit und schränkt ihren eigenen Lebensgenuss enorm ein. Beim Sorgenkind gestaltet sich die innere Ablösung schwieriger, weil Mitleid und auch Schuldgefühle stark anbinden. Ich habe oft beobachtet, dass die Mütter mehr leiden als ihre Kinder.
Frage: Leide ich zu sehr mit dem Kind?

Verständnis für Schwächen wecken:

Jedes Kind hat auch seine Schwächen. Diese treten beim Sorgenkind oft besonders stark zu Tage. Für die Geschwister ist es dann nicht immer einfach zu verstehen, warum der Bruder so rasch die Nerven verliert oder warum die Schwester so ängstlich oder wehleidig ist. Erklären Sie also immer wieder sachlich, warum Sie so lange mit dem Kind lernen. Das gesunde Kind hat ja auch einen hohen Gewinn, wenn es statt stundenlangem Lernen fröhlich spielen kann.
Frage: Rede ich sachlich über die Störung?

Erholungszeiten einplanen:

Eine Behinderung oder Störung kann das Familienleben sehr strapazieren. Versuchen Sie deshalb immer wieder Aus-Zeiten zu planen. Hat das behinderte Kind eine Oma oder Patentante, bei der es Urlaub machen kann? Damit könnte es Kontakte zu Menschen knüpfen, die nicht durch den täglichen Alltagskram ausgelaugt sind, sondern unverbraucht Zeit mit ihm verbringen. Gleichzeitig kann die restliche Familie entspannen und auftanken. Allenfalls macht es sogar Sinn ohne das arbeitsintensive Kind in den Familienurlaub zu fahren, damit sich alle erholen können. Auch die gesunden Kinder haben Bedürfnisse und sollen unbeschwerte Stunden geniessen können.
Frage: Lasse ich mich entlasten, dort wo es möglich ist?

Annemarie Pfeifer


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